LH First

Dieses Thema im Forum "Trip Reports" wurde erstellt von vegaslars, 17. November 2010.

  1. vegaslars

    vegaslars Gold Member

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    First time - First Class, Lufthansa First Class, nicht upgradefähig.
    In Berlin gibt es gegenüber dem Lufthansa World Shop einen separaten First Class Schalter, bestückt mit einer Rose, die, wie ich weiß, zum Begleiter meiner Reise werden soll. Ich darf in die Senator Lounge, obwohl ich bloß FTL bin, und das noch nicht mal in der lifetime-Version.
    Sehr merkwürdig, die Senator Lounge sieht genauso aus wie die für Business, und hat lediglich mehr Sitzplätze. Dafür soll ich 95000 Statusmeilen mehr sammeln? Okay, es gibt noch ein paar andere Vorteile.
    In der Business Class geht es zunächst nach München. Hier beginnt mein eigentlicher Lufthansa First Class Flug nach San Francisco. Ob ich wohl wie ein Star behandelt werde oder nur wie ein Verrückter, der keine Payback-Aktion, kein Welt-Abo ausgelassen hat, um günstig an viele Meilen zu kommen - und in welche dieser Kategorien würde ich mich selbst einordnen? Jedenfalls bin ich erstmal auf die First Class Lounge gespannt, viele fliegen ja völlig sinnlos durch die Welt, nur um hier einmal Kaffee trinken zu dürfen und quietschgelbe Badeenten im Florian-Silbereisen-Look mitgehen zu lassen. Das Raumangebot beeindruckt nicht wirklich, es gibt halt 2 Etagen und überall liegen Mozartkugeln rum. Dafür werde ich zuvor sehr nett begrüßt. Das Essen auf der Karte klingt lecker: Hirschgeschnetzeltes mit Walnussspätzle und Speckrosenkohl, naja, das Fleisch ist zäh, die Spätzle versalzen und der Rosenkohl steinhart. Oliver Berben, der etwas später eintrifft, scheint das nicht zu stören.
    Auf dem Rückflug werde ich noch das Wiener Schnitzel testen, was leider nichts mit der österreichischen Spezialität gemein hat und deutlich unter Kantinenniveau bleibt. Dafür sind die warmen Speisen am Buffet nicht schlecht, eine Kürbis-Kokossuppe sogar ziemlich gut. Der Champagner schmeckt mir leider auch nicht, aus drei Sorten wähle ich den rose´. Im Flugzeug wird es später nur einen geben. Die PCs haben eine verstaubte Touchscreentastatur, muss auch nicht sein. Allein wegen der Optik wäre ein Mac hier passender. Die Nassbereiche sind okay. „Sorry, keine Qietscheentchen“ - ich bin schockiert. Wo ist denn der Limousinentransfer? Gibt keinen - na gut, das Gate ist wirklich nicht weit entfernt, keine Aussenposition.

    In der First Class Kabine werde ich herzlich begrüßt. Frau D., die vier andere Gäste und mich die ganze Zeit nahezu allein bewirten wird, hat den Charme und die Fröhlichkeit von Inka Bause. Sie beugt sich zu den Gästen herunter, tuschelt und lacht dabei laut und herzlich. Dem leichten Akzent nach müsste sie, wie ich, aus dem Nordosten Deutschlands kommen. Aber keine Sorge, ihre berufliche Zuwendung ist ausreichend.

    Ich habe mich für den Platz 2K entschieden. Es ist nicht gerade der Bundy-Schwung, mit dem mir mein Sitz präsentiert wird, hier geht es eher sachlich und dezent zu. Von Hon Andreas weiß ich ja schon, dass meine Schuhe nicht in ihre Ablagefächer passen. Ich sehe mich erstmal um. Wo ist denn der Luxus versteckt? Die silber-geriffelte Verkleidung der Sitze und Staufächer ist schon ein wenig abgewetzt und erinnert entfernt an Wellblechhütten in südafrikanischen Townships. Es ist eben nur die alte First-Kabine. Dafür ist das Raumangebot schon sehr angenehm, man bemerkt die anderen Passagiere fast gar nicht. So scheint mir beim Take off, als würde mit zunehmender Distanz zur Erde auch die mit ihr verbundenen Probleme kleiner werden.
    An meinem Platz steht die Rose. Vielleicht ist es wie in „Die Schöne und das Biest“ - wenn das letzte Rosenblatt gefallen ist, ist der Zauber vorbei und ich werde für immer in die Eco zurück verbannt. So´n Quatsch. Ich bin schließlich hier, um verwöhnt zu werden. Meine Vision von der Lufthansa First Class war es, den langen Flug in absoluter Ruhe auf einem bequemen Einzelsitz am Fenster mit einem Glas hervorragendem Champagner zu genießen. Das klappt soweit auch ganz gut. Frau D. achtet liebevoll darauf, dass mein Glas nicht zu lange leer bleibt. Sollte die Welt unter mir in einem Roland-Emmerich-Szenario in Flammen aufgehen, ich würde meine Lehne noch etwas weiter nach hinten stellen und um ein zusätzliches Kissen bitten. (Hon Andreas hätte jetzt längst die alberne Schlafmaske auf - die frühen Termine in Übersee!).

    Der Champagner, ein Produkt der Witwe Devaux, ist weitgehend unbekannt und, wie zu lesen ist, der Sieger einer Lufthansa-Blindprobe. Er schmeckt aber wirklich außergewöhnlich gut. So stört es mich nicht weiter, dass es nur eine Sorte gibt, da kann Markus Del Monego noch so unverschämt von der Karte grinsen.

    Mein Sitz, ob nun alt oder nicht, ist unglaublich bequem und ich möchte eigentlich, dass alle Leute so fliegen können. Na gut, das würde das eine oder andere zusätzliche Flugzeug in der Luft bedeuten, aber Boeing und Airbus wollen ja auch leben.

    Es gibt Geschenke! Eine geheimnisvolle graue Schachtel wird mir überreicht. Was mag das wohl sein? Ein IPhone, ein Bose Kopfhörer? - oh, es ist ein Miniaturflugzeug aus Plastik, das habe ich mir schon immer gewünscht. Vielen Dank auch.

    Ein Gruß aus der Küche (Gänseleberpastete) - jaja, grüßen Sie zurück. Ich bin noch satt von der Lounge und Lufthansa sagt, ich kann selbst entscheiden, wann das Essen serviert wird. Aber Frau D. drängelt ein bisschen. Seit dem Abflug hat ihr Haarknoten gelitten, und zuerst eine, dann mehrere Strähnen freigegeben. Leider sagt ihr das keiner der Kollegen und ich darf es nicht, weil es unhöflich wäre. Bei „Singapore“ wäre das undenkbar (nehme ich an).

    Das Essen wird dann doch serviert, ich will Frau D. nicht unnötig warten lassen, wo sie doch so nett ist. Es gibt eine Karte im Retro-Look, passt ja zu mir, als scheinbar Jüngster unter den First-Class-Gästen: Kaviar (ess´ ich nicht), Dialog vom Hummer an... (keine Lust auf smalltalk), aber die Ochsenschwanzsuppe ist erstmal okay. Später probiere ich die Grillplatte, Frau D. sagt, sie nennt sie Griechische Platte.

    Es wird dunkel, und wie in der Economy, der Business Class oder am Mittag im Kindergarten erwartet man von mir, dass ich jetzt schlafe. Nix da, ich werde meinen hart erkämpften First-Class-Service doch nicht einfach verpennen, jedenfalls vorerst nicht. Mein Flug sollte immerhin 11177 Euro kosten. Auch wenn immer behauptet wird, dass niemand diese Preise bezahlt, werden sie nun einmal so angegeben, also suche ich nach einem Gegenwert. Das bleibt ein hoffnungsloses Unterfangen. Ich sehe mir eine alte Jeff-Corwin-Folge an. Bei der Größe des Monitors und dessen Bildauflösung wird man dann doch schnell müde. Ich kann ganz gut schlafen, im Champagnerrausch - Frau D. deckt mich zu.

    Ich habe hier mehrfach gelesen, dass der Unterschied zwischen Business und First nicht so groß ist. Aber das Raumangebot, die private Atmosphäre und der persönliche Service bedeuten schon etwas, wenn man das zu schätzen weiß. So entspannt über den Wolken zu liegen ist ein Erlebnis, dass vielen Menschen erst nach dem Tod gewährt wird - und das auch nur bei guter Führung!

    Ankunft in San Francisco. Die Rose und ich haben unbeschadet durchgehalten. Aber hier endet der himmlische Service abrupt. Schön wäre es, wenn mich jetzt eine Limousine zum Luxushotel bringen würde, wie andere Airlines es ihren First-Class-Passagieren anbieten. Den restlichen Weg bis zu meinem Billighotel würde ich dann zu Fuß fortsetzen. Immerhin bin ich der Erste bei der Kontrolle. Das nützt allerdings wenig, wenn das Gepäck trotz des Anhängers länger braucht.

    Der Rückflug von Los Angeles ist weniger persönlich. Hier wirkt alles wie: Dienst nach Vorschrift. Dafür ist das Entertainment-Programm dasselbe. Immerhin landen wir diesmal auf einer Aussenposition und ein Chauffeur steht mit einem First-Class-Schild am Flugzeug. Nach dem Transfer liefert er uns an einer separaten Sicherheitskontrolle ab und begleitet uns noch weiter zur Lounge. So braucht man sich nicht noch einmal zu legitimieren. Diesmal bekomme ich auch ein Quietscheentchen. Als ich die Lounge verlasse, ruft mir ein Mitarbeiter: „Kommen Sie bitte bald mal wieder“ zu.
    „Naja“, antworte ich zögerlich.
    „Wie, naja?, hakt er nach.
    „So ein First-Class-Flug kostet fast soviel, wie ich im Jahr verdiene“, gebe ich zu bedenken. Er antwortet: „...und wie ich in zwei Jahren“. Dann lachen wir über unsere Armut.
     
  2. Tirreg

    Tirreg Diamond Member

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    Köstlich!

    Vielen dank!
     
  3. somkiat

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  4. Austrian

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    ...cooler Bericht, danke :mrgreen:
    suche auch manchmal vergeblich nach dem gegenwert....noch krasser finde ichs bei inner-europäischen-1000-euro-c-flügen
     
  5. steroidpsycho

    steroidpsycho Co-Pilot

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    Vielen herzlichen Dank. Bitte mehr davon. :lol:
     
  6. ledavinci

    ledavinci Pilot

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    Sehr schön!!
    Herzlichen Dank!
     
  7. smeagol

    smeagol Silver Member

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    klasse bericht und vor allem witzig und temperamentvoll beschrieben
     
  8. kuno

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    Wer betreut während deiner Abwesenheit die Altpapier-Container? :lol: :lol: :lol:
     
  9. miles-and-points

    miles-and-points Nach Verwarnungen dauerhaft verreist
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    :shock: Wo und wie liegst Du denn - bitteschön - ansonsten so? :shock:
    :lol: Solch eine Formulierung verrät viel über den Schreiber. :lol:
     
  10. somkiat

    somkiat Diamond Member

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    Wer sollte das besser beurteilen können
     
  11. hofpils

    hofpils Einsteiger

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    Musste viel schmunzeln beim Lesen - Danke für diesen Post.
     
  12. manuelsven

    manuelsven Silver Member

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    Danke für 5 Minuten schmunzeln - gut geschrieben! :p
     
  13. Bommel

    Bommel Silver Member

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    Klasse geschrieben. Vielen Dank! :p
     
  14. vegaslars

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    Danke für Eure netten Kommentare. Hab ja schon wieder gebucht. Also vielleicht was Neues im März über BKK und SYD mit der Thai.
     
  15. skywalkerLAX

    skywalkerLAX Diamond Member

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    Danke! Wirklich nett geschrieben!

    Dass mumpitz wieder was zu quaken hat hast du ja sicherlich bereits im Vorfeld gewusst, so wird auch die letzte Erwartung noch erfuellt. F hat sich also ausgezahlt. :p
     
  16. vegaslars

    vegaslars Gold Member

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    Mag es sich doch in der Gnade unserer Toleranz sonnen.
     
  17. rainer1

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    toll geschrieben. du könntest kolumnist einer reiseseite werden.
     
  18. homer

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    Kann mich all dem Lob nur anschließen..wunderbar geschrieben, humorvoll und schöne Sprachbilder gemalt..großartig..herzlichen Dank und flieg bitte öfter:)
     
  19. rizzibird

    rizzibird Einsteiger

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    Ich freue mich schon auf den nächsten Tripreport :)
     
  20. berlinerjunge

    berlinerjunge Platinum Member

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    Hast du die Rose auch Richtung Hotel mitgenommen :?: :!:
     

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